abc.etüden 2021 44+45 | 365tageasatzaday

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

aus aktuellem Anlass gibt es nach kurzer Etüdenabstinenz meinerseits die erste Etüde für die Kalenderwochen 44 und 45. Die Etüden werden, wie gehabt, von Christiane organisiert, die Wortspende steuert diesmal der wortverdreher Christian bei. Los gehts:

„Na, worüber reden wir heute?“

„Über ein, sagen wir, eher kitzliges Thema.“

„Nämlich?“

„Schon gehört?“

„Was denn?“

„Die isrealische Energieministerin Karine Elharrar ist zu Gast bei der Klimakonferenz in Glasgow.“

„Und?“

„Und sie sitzt im Rollsstuhl.“

„Okay – aber inwiefern ist das relevant?“

„Oh, das ist sehr relevant, denn … sie kam bei einer Veranstaltung der Klimakonferenz nicht rein.“

„Bitte? Wie jetzt, ist sie an der Security gescheitert, oder was!?“

„Och, bitte. Nein, viel banaler: der Zugang zum Veranstaltungsort war nicht barrierfrei. Nach zweistündigem Warten ist Frau Elharrar wieder ins Hotel zurückgefahren.“

„Wie überaus peinlich!“

„Nein, so wirklich peinlich ist nur die Reaktion des britischen Energieministers George Eustice.“

„Inwiefern?“

„Es hieß, er bedauere den „Vorfall“, suche die Verantwortung dafür aber in Teilen bei der israelischen Delegation. „Was normalerweise in dieser Situation passieren würde, ist, dass Israel uns über diese besondere Anforderung für ihre Ministerin informiert hätte“, sagte er der BBC.“

„WAS!? Also, entschuldige mal, eine solche Veranstaltung hat per se barrierefrei zu sein!“

„Im Prinzip – ja …“

„Da könnt ich mich ja schon wieder aufre… ist doch klar, dass Kürbis-Kopf Johnson das nicht hinbek…“

„Oh, bitte! So weit ich weiß, sieht es mit der Barrierefreiheit in Großbritannien ansonsten gar nicht so schlecht aus. Nur hier hat man es eben vergeigt.“

„Trotzdem. Ich stelle mir gerade vor, wie ich im tiefsten Blizzard an einem nicht barrierefreien Gebäude ankomme und das letzte, was man von mir findet, ist ein in die Eisblumen am Fenster gekrakeltes: „Ich war hier!“

„Ist das nicht ein bisschen überdramatisiert?“

„Solange wir uns einerseits um immer vorsichtigere, immer samtpfötigere, immer inklusivere Sprachregelungen bemühen, damit sich bloß niemand auf den Schlips getreten fühlt, wir andererseits aber bei den ganz handfesten Dingen verkacken, werde ich nach Belieben überdramatisieren!“

„Aber das hat doch gar nichts miteinander zu tun!?“

„Das glaubst aber auch nur du!“

300 Worte.

Addendum: Ein Kommentar-Potpourri aus dem den Sachverhalt betreffenden Artikel der „Welt“.

„(…) wenn die sich von solchen Lapalien von der Arbeit abhalten lässt, dann ist sie definitiv im falschen Job.“

„Ein Klimagipfel ist dazu da, um über das Klima zu reden. Er ist nicht dazu da, um über Inklusion zu reden oder über Gendertoiletten oder über den Frauenschachverein Wanne-Eickel.“

„Ich sehe beim Aktivistenlieblingsthema „Inklusion“ nur ganz wenige Unterschiede zu anderen Trendthemen wie Gendern, Gendertoiletten, Trans und natürlich Identitätspolitik.(…) Die Gesellschaft soll sich demnach nicht mehr an der Mehrheit zu orientieren, sondern an irgendwelchen kleinen Randgruppen.“

„Wer das so stehenlässt und glaubt, muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein.“

„Ist das dann Antisemitismus oder mangelende Sensibilität für Inklusion ?“

Machmal frage ich mich, ob den Menschen nicht bewusst ist, wie zum Kotzen sie sind!

18 Gedanken zu “abc.Etüden KW 44/45 2021 I

  1. Die Dame hat zwei Stunden gewartet und ist dann zurückgefahren? Soll das heißen, dass innerhalb dieser Zeit niemand zu finden war, der es möglich gemacht hat, die Dame an ihren Zielort zu bringen? Wo tagen die, in einem Schloss aus dem Mittelalter mit Handklingel? Peinlich, wirklich. (Hab es nicht mitbekommen, danke, und ja, die Reaktion ist noch schlimmer.)
    Kopfschüttelnde Morgenkaffeegrüße 😠⛅🍁☕🍪🍂👍

    Gefällt 1 Person

    1. Nachdem sie es an drei verschiedenen Eingängen, bei denen sie entweder an einer Vielzahl Stufen oder aber an der Security scheiterte, versucht hat, man ihr seitens der Organisatoren einen Shuttleservice in Aussicht stellte, der allerdings seinerseits wiederum nicht behindertengerecht ausgestattet war und somit nicht infrage kam, und sich nach insgesamt zwei Stunden keine Lösung der Problematik abzeichnete, ist sie wieder ins Hotel gefahren. Die Webseite der Konferenz behauptet derzweil: „Der Veranstaltungsort, die Veranstaltungen und die Exponate sind für Rollstuhlfahrer zugänglich.“ Ja, nee, is´ klar …

      Gefällt 1 Person

      1. Unglaublich. Nun ist sie Ministerin, soll heißen, sie ist in einer Machtposition und kann auf die K*cke hauen (deshalb regen wir uns jetzt darüber auf), aber ich möchte mir nicht vorstellen, wie oft das in der Realität alltäglich passiert.
        Unglaublich. Sagte ich das schon? 😠

        Gefällt 1 Person

      2. Mir gefällt, dass du darüber hinaus denkst, denn das ist tatsächlich tagtäglich Lebenrealität für sehr viele Menschen. In einem Kommentar aus dem „Tagblatt“ in der Schweiz heißt es dazu: „Zu oft scheint die Haltung zu sein, Menschen mit Behinderungen sollten sich mit den bestehenden Berücksichtigungen zufriedengeben und gefälligst dankbar zeigen.“ Und exakt so ist es! Und diese Einstellung verwundert ja auch nicht, wenn man in den Medien behinderte Menschen nahezu ausschließlich in Form der – bei allem Respekt – ewig grinsenden Kristina Vogel oder irgendwelcher „inspiration porns“, in denen Menschen immer und ausschließlich auf bravouröse Art „ihr Schicksal meistern“ oder sich wahlweise auch „Ins Leben zurückkämpfen“, präsentiert bekommt. Die Menschen, die mit dem Bundesteilhabegesetz hadern, die im Dauerclinch mit Behörden liegen oder sonstige Schwierigkeiten im Alltag haben, die sieht man dagegen nicht. Das nervt mich kolossal!

        Gefällt 1 Person

      3. Darauf könnte ich unglaublich viel antworten ohne Luft zu holen. Aber nur das: Mir ist bewusst, dass es eine Gnade (Gnade im Sinn von Geschenk „von oben“) ist, dass ich persönlich zum Beispiel ohne Hilfsmittel gehen kann, und dass das etwas ist, was sich täglich ändern kann. Wäre ich danach – als „Behinderte“ – ein anderer Mensch als zuvor, würde ich anders denken, leben, essen etc. wollen? Nein, definitiv nicht. Aber wäre ich gehunfähig, müsste ich zum Beispiel diese (geliebte) Wohnung hier verlassen. Könnte ich mir das leisten? Nein, absolut nicht, ich wäre (vermutlich) sofort ein Sozialfall. Möchte ich auf die Willkür/Großzügigkeit anderer angewiesen sein? Absolut nicht, nicht erst seit Corona nicht. Bei so was wie „Ziemlich beste Freunde“ etc. nervt mich nicht das Gemeistere, sondern dass die immer alle finanziell unabhängig sind und sich mit den Niederungen des Alltags nicht abgeben müssen. Wobei es vielleicht Filme/Medien etc. dazu gibt, ich räume mein Unwissen ein. Undsoweiter, undsoweiter.
        Da gab es doch neulich diese Kids (?) im Hungerstreik (FFF?), was durch die Presse geisterte. Ich habe mich bei dem Gefühl ertappt, diese grundsätzliche Verzweiflung am Zustand der Welt zu verstehen (wo man auch hinschaut, alles ist falsch – oder bedroht), und war relativ schockiert.
        Sorry.

        Gefällt 1 Person

      4. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer: Das mit der finanziellen Unabhängigkeit ist das nächste Problem in der Außendarstellung, weil oft eben Prominente mit Behinderung zu Wort kommen, die sich aufgrund ihres sozialen Status eine Rundum-Ganzstagsbetreuung leisten können oder könnten und sich daher mit den Schwierigkeiten der weniger Betuchten gar nicht auskennen können. Und das ist auch gar nicht schlimm. Schlimm wird es nur dann, wenn diese Personen dann glauben, nicht nur für sich sprechen zu können.

        Was „Ziemlich beste Freunde“ angeht, so muss gesagt werden, dass Philippe Pozzo di Borgo, auf dessen Leben der Film basiert, nun mal aufgrund seines familiären und beruflichen Hintergrunds tatsächlich finanziell unabhängig ist. 🙂

        Gefällt 1 Person

    1. Ich auch, eben deswegen regt mich das so auf. Ähnlich regen mich nur die Kommentare in den Onlineversionen von Zeitungen wie der „Welt“ auf, in denen es zuhauf sinngemäß hieß: „Gab es denn da niemanden, der sie und/oder den Rollstuhl hätte hineintragen können?“, ohne auch nur im Geringsten daran zu denken, wie man sich wohl vorkommen mag, wenn man nur deswegen, weil Organisatoren keine Barrierefreiheit auf die Kette kriegen, um Hilfe bitten und sich wie einen Sack Mehl durch die Gegend tragen lassen muss!

      Gefällt 1 Person

  2. Wenn man schon keine Rollstuhlfahrerin organisatorisch vorausschauend einplanen kann, wie soll man denn überhaupt glaubwürdig hinbekommen, dass man tatsächlich an dem Thema Umwelt interessiert ist? Ich meine, da geht es doch darum, ganz große Umwälzungen zu planen und zu realisieren? Oder kommt da wieder so eine schottische Sparversion raus?

    Gefällt 1 Person

    1. Ganz genau so ist es! Was im Kleinen nicht funktionert, das wird im Großen erst recht nichts werden. Letztlich wird man irgendwelche Dinge beschließen, die natürlich alle nicht verbindlich sind, und falls sie es doch sind, sind sie bei Zuwiderhandlung aber wenigstens straffrei. Alles wie immer also.

      Gefällt 1 Person

  3. Leider können in der Frage der Schuld deutlich besser agieren, als in der Frage der Barrierefreiheit! Dass innerhalb von zwei Stunden keine adäquate Alternative gefunden werden konnte zeigt, wie spezialisiert die Teilnehmenden und Organisator:innen waren.

    Gefällt 1 Person

    1. Die Vermutung liegt nahe, Dinge wie Barrierefreiheit und Inklusion sollten sich aber auch im Rahmen der Möglichkeit anderweitig spezialisierter Menschen befinden.

      Vielleicht gelten aber für Barrierefreiheit und Inklusion auch, frei nach Lindner, dass man sie Profis überlassen sollte. 🙂

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s