Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“ deren Eigentümer und Geschäftsführer S. Atan sich gerade gemeinsam mit seinem Assistenten und Untergebenen Lübke im Pausenraum dem Nichtstun hingibt und mit zunehmendem Kopfschütteln durch die Zeitung blättert, während im Hintergrund Iron Maidens „The Number of the Beast“ aus dem Radio dödelt.

„Wissen Sie, Lübke, Sie haben das ja sensationell gemacht, damals in Wuhan. Was hab ich über ihren Dialog mit dem Verkäufer gelacht: „Ich hätte gerne die Fledermaus.“ – „Die ist aber noch nicht ganz durch!“ – Ach, kein Problem, ich mag sie gerne medium.“ Ach, wunderbar! Wenn die Leute damals gewusst hätten, was sich daraus entwickelt. Na, wie auch immer. Mittlerweile, Lübke, mittlerweile …“

„Ja?“

„…glaube ich, dass ein neues Virus grassiert, das in erster Linie bemerkenswerte Dummheit hervorruft. Als Patienten 0 vermute ich den ehemaligen, amerikanischen Präsidenten. Der hat das bestimmt bei irgendeinem Staatsbesuch eingeschleppt und seitdem verbreitet es sich.“

„Bei welchem Staatsbesuch soll das gewesen sein?“

„Keine Ahnung – Dänemark?“

„Da war er doch nie.“

„Ach ja, weil man ihm Grönland nicht verkaufen wollte. Ein vortreffliches Beispiel übrigens, das meine These zum Patienten 0 veritabel stützt. Aber wann und wo ist letztlich auch egal. Wichtig ist: Es verbreitet sich in ganz Europa!“

„Woran machen sie das fest?“

„Nun, unter anderem an … also, wir … haben doch noch eine Pandemie, oder?“

„Man mag es derzeit kaum glauben, aber: Ja, sicher!“

„Und trotz dieser Pandemie findet eine europaweite Sportveranstaltung statt, bei der man auf Druck des eigentlichen Veranstalters …“

„Sie meinen, des Veranstalters, der so unpolitisch ist, dass er Dinge wie Toleranz, Akzeptanz und Gleichberechtigung als politische Themen begreift, der maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass man Spiele in Ungarn und Aserbaidschan – lupenreine Demokratien mit einem Herz für Oppositionelle und Randgruppen, wie insbesondere im Fall Aserbaidschan Heerscharen von CDU-Politikern bestätigen können – austrägt, der maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass man eine WM nach Katar vergibt, wo nach Auskunft von „Kaiser“ Beckenbauer, der diesbezüglich über eine unbestreitbare Expertise verfügt, keine Sklaven rumlaufen, des Veranstalters, der gerade eben deswegen auch gerne Werbung für die dort beheimatete Fluglinie macht und hinsichtlich der Bandenwerbung auch nicht verabsäumt, eine erkleckliche Zahl davon mit chinesischen Schriftzeichen zu versehen, da wir ja immerhin so etwa 210.000 Menschen mit chinesischer Abstammung sowie 2.350 Sineologie-Studenten im Land haben, die sie lesen können, des Veranstalters, der damit droht, trotz einer sich verschärfenden Pandemielage in einigen Veranstaltungsorten eben diese Veranstaltungsorte leer ausgehen zu lassen und die Spiele stattdessen in Ungarn, der eben erwähnten lupenreinen Demokratie des sympathischen Herrn Orbán, austragen zu lassen, jenes Herrn Orban, der gar nichts gegen Schwule und Lesben hat, dessen Gesetz sich deswegen ausschließlich gegen Pädophilie richte, womit er einerseits das eine mit dem anderen gleichsetzt und überdies eine Begründung in die Welt setzt, die ich allenfalls als „Orbáne Mythen“ durchgehen lassen will und der … wissen Sie, Chef, so langsam weiß ich was Sie meinen!“

„Na, eben! Auf Druck von wem auch immer 60.000 Menschen in ein Stadion zu pferchen, trotz einer landesweiten 7-Tage-Inzidenz von über 270 – ist das nicht irgendwie dämlich!? Sowohl von Zuschauer- als auch von Veranstalter-Seite?“

„Unbestreitbar!“

„Eben! Überdies: Die Dummheit macht ja beim Fußball nicht halt.“

„Sondern?“

„Nun, nehmen wir doch mal die Posse um Frau Baerbock. Da wird seit Tagen eine junge Frau durchs mediale Dorf getrieben, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her …“

„Hahaha!“

„Was?“

„Na, nettes Wortspiel?“

„Was?“

„Na, der Leibhaftige. Weil … na, weil Sie doch …“

„Ach, bitte, Lübke! Jedenfalls, da prügeln also seit Tagen alle möglichen Medien auf Frau Baerbock ein. Ich meine, wenn sogar die „taz“ ihren Rücktritt fordert, dann …“

„Nun ja, sie hat sich … in manchen Dingen auch nicht gerade clever verhalten!“

„Natürlich. Das bestreite ich auch nicht! Aber hey, wenn Heerscharen an CDU-Politikern sich an Masken bereichern oder an Gas aus Aserbaidschan oder an aserbaidschanischen Gasmasken oder was auch immer, dann wird das als eine Randnotiz behandelt, die Leute treten still und leise zurück, verdienen immer noch eine Menge Kohle und wenige Tage später hat man es vergessen. Wenn aber Frau …

„Ist das nicht Whataboutism?“

„Nein, das ist eine Zustandbeschreibung bezüglich der Dinge, die man in diesem Land offensichtlich der Diskussion für würdig erachtet! Wenn Politiker sich als korrupt erweisen, dann ist das allenfalls eine Randnotiz, wodurch der Eindruck entsteht – und das ist das eigentlich Schlimme – dass das deswegen so ist, weil die Menschen das von der Politiker-Kaste schon fast erwarten. Leistet sich eine Kanzlerkandidatin dann aber Verfehlungen, die irgendwo zwischen dämlich und fahrlässig changieren, DANN muss daraus aber natürlich ein Politikum gemacht werden, DANN kommt der Social-Media-Pöbel und prügelt auf diese Person ein, die ihnen ja sowieso alles wegnehmen und verbieten will und überhaupt und so. Haben Sie mal stichprobenhaft gelesen, was der besagte Pöbel über Frau Baerbock online schreibt – übrigens weitgehend unwidersprochen bis unmoderiert, in jedem Fall aber unsanktioniert?“

„Nein, lieber nicht!“

„Nun, ich schon. Vom Vorschlag, sich Brustimplantate einsetzen zu lassen, die Frau Baerbock dann wenigstens in optischer Hinsicht erträglich gestalten würden bis hin zur pauschalen Veunglimpfung aller Grünen als Pädophile ist da alles dabei. Und dabei spare ich die schlimmsten Dinge noch aus. Wissen Sie, Lübke, ich bin ja so etwas wie Ghandi in friedlich – aber solchen Leuten möchte ich einfach ansatzlos in die Fresse schlagen und nur sagen: „Du weißt schon, wofür!“

„Aber Gewalt ist keine Lö…“

„Das. Weiß. Ich. Und trotzdem … etwas Sinnvolleres fällt mir nicht ein.“

„Ich wäre ja für eine großangelegte Bildungsoffensive. Das beste Mittel gegen das von Ihnen beschriebene Virus.“

„Aber auch durch eine Bildungsoffensive wird aus einem Arschloch allenfalls ein intelligentes Arschloch, es bleibt aber im Kern ein Arschloch!“

„Aber vielleicht wenigstens eines, das erkennt, dass es ein Arschloch ist!? Auch das kann ja schon viel bewegen. Und wenn nicht in dieser, dann wenigstens in der nächsten Generation. Die macht doch hoffnungsvoll! Nehmen Sie beispielsweise die „Fridays for Future“-Demos.“

„Mag sein, aber spätestens, wenn diese jungen Idealisten von heute später im wahren Leben bzw. Berufsleben zwischen wirtschaftlichen Zwängen und Nöten ankommen, wird es sich mit dem Idealismus erledigt haben. Die Arschlöcher in der jungen Generation dagegen – in Sachsen-Anhalt haben 19 % der 18- bis 24-Jährigen die AfD gewählt, bei den 25- bis 34-Jährigen waren es sogar 28 %, in beiden Altersgruppen war die AfD stärkste Partei; ein Wahlergebnis übrigens, das medial gefeiert wurde, nur weil die AfD insgesamt 3,4 % verloren hat, was mich an der Zurechnungsfähigkeit der Berichtertattenden zweifeln lässt – , die Arschlöcher in der jungen Generation also, die bleiben dagegen langfristig Arschlöcher. Nee, Lübke, bauen Sie nicht auf jüngere Generationen, ich glaube, das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen.“

„Was tun wir also?“

„Entweder wir warten auf das Eintreffen technisch und moralisch weit fortgeschrittener Aliens …“

„…die dann aber nach kurzem Lachkrampf weiter fliegen dürften …“

„… oder wir warten einfach ab, bis es sich mit dieser Spezies erledigt hat. Das dauert vielleicht noch ein bisschen, aber …“

„Das dürfte dann aber einsam werden …“

„Ach, Lübke, wir haben doch uns.“

12 Gedanken zu “Neulich in der Hölle #5

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