abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich versuche einfach mal, mich mit aktivem Dagegenschreiben aus meiner derzeitigen Schaffens- und Sinnkrise zu arbeiten. Erfahrungsgemäß bieten sich dafür die sehr zu meiner Freude weiterhin von Christiane organisierten Etüden an, und da die Wortspende die den Textwochen 8/9 von der zauberhaftesten aller Bloggerkolleginnen kommt, bleibt mir eh nichts anderes übrig, als meinen Teil beizutragen. Auf gehts:

„Angola, Äthiopien, Äquatorialguinea, …“

„Was machst du denn da? Kreuzworträtsel?“

„Nein, eine Liste.“

„Nämlich welche?“

„Eine Liste der Länder, die immer noch kaum oder gar keinen Impfstoff haben.“

„Bitte?“

„Na, hast du dem UN-Guterres nicht zugehört?“

„Was hat er gesagt?“

„Dass sich zehn Länder insgesamt 75 Prozent des bisher ausgelieferten Impfstoffs unter den Nagel gerissen haben, während ganze 130 Länder noch nicht eine einzige Impfdosis bekommen haben.“

„Und du …“

„Genau, ich liste die jetzt auf und nagel die ans schwarze Brett des Gemeindehauses wie weiland Luther seine Thesen an …“

„Eigentlich hat er die nirgendwo drangenagelt, sondern dem Erzbischof von Mainz geschickt …“

„Hm – nein, das mache ich nicht, die katholische Kirche hat ohnehin gerade eigene Probleme. Aber mal im Ernst: In 130 Ländern gibt es noch nicht ein einziges Fläschchen Impfstoff – und hierzulande muss man sich von morgens bis abends anhören, wie beschissen doch alles ist. „Impfdesaster“ nennt das die Opposition, wobei es allenfalls dann ein Impfdesaster wäre, wenn von 100 Geimpften 70 umgehend tot umfallen.“

„Nun…“

„Jetzt fangen wir hier auch noch an, auf die Impfungen zu verzichten, weil Millionen halbwissender Hobbymediziner in einem spontanen Anfall von Morbus Mimose sagen: „Nee, also dann nicht. Ich möchte schon gerne das gute Zeug!“

„Also …“

„Wir geben uns ja sowieso der trügerischen Sicherheit hin, die Pandemie wäre beendet, sobald hier alle geimpft sind. Das wird ein Spaß, wenn die Menschen entdecken, dass das so nicht funktioniert …“

„Also …“

„Und in Afrika kündigt der Leiter der panafrikanischen Gesund­heitsbehörde voller Stolz „die Auslieferung der ersten Million Dosen auf dem Kontinent“ für kommende Woche an. Eine Million! Ungefähr die Menge, die BioNTech einmal die Woche schwarz in Spahns Vorgarten abkippt.“

„Also das kannst du doch wirklich so nicht …“

„Ich reg mich halt einfach auf! In der Zwischenzeit wird Afrika von China beliefert, zum Dank dafür kaufen die Zentralafrikaner zukünftig wie blöde chinesische Strickjacken.“

300 Worte.

9 Gedanken zu “abc.Etüden KW 8/9 2021 I

  1. Das mit China passiert längst schon im großen Maßstab, auch ganz ohne Impfung 🤔.
    Der Rest ist Schweigen. Ach nee, ich finde deine Vorstellung von Zentralafrikanern in chinesischen Strickjacken ziemlich … such dirs aus. 😉
    Schön und so, aber das weißt du ja.
    Abendgrüße 😁⛅🍲🍷👍

    Gefällt 1 Person

    1. Das ist mir bewusst, das passiert ja zunehmend schon seit den 90ern. Und das kann man meinetwegen auch für völlig legitim halten – im Grunde passiert dort dann nichts anderes als hier, nämlich dass man sich den Impfstoff von da verschafft, von wo man ihn bekommen kann.

      Das Problem ist halt einfach, dass man als EU einmal, nur ein einziges Mal, die Chance bekommt, sich gegenüber den afrikanischen Ländern solidarischer zu zeigen, als man das in der Vergangenheit getan hat, um das mal ganz vorsichtig zu formulieren, und dass man es dann in großen Stil, mit Verlaub, verkackt, auch und gerade, weil Firmen, die mit den Impfstoffen den großen Reibach machen, auf Patenten hocken, mittels derer sie einen noch größeren Reibach machen können.

      Und überhaupt: Den Menschen in manchen Ländern muss es als blanker Zynismus erscheinen, wenn sie mitbekommen, dass hierzulande Menschen auf ihre Impfung verzichten und hundertausende AstraZeneca-Dosen sinnlos herumliegen, weil die Leute gerne etwas Besseres hätten!

      Ich stelle mir dann immer gerne die Situation vor, dass eine dieser Personen gerade eine eher unerfreuliche Begegnung mit einem Wolfsrudel in einem nordeutschen Wald hatte und sich mit Bisswunden übersät ins nächste Krankenhaus schleppt, wo man ihr eine Tetanus-Impfung verabreichen möchte. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person in diesem Augenblick sagen wird: „Mooooment, also erst mal möchte ich den Grad der Wirksamkeit von dem Zeug erfahren! Und wenn es Nebenwirkungen gibt, dann könnt ihrs gleich vergessen! Ach, am besten, ihr zeigt mir erst mal die Ergebnisse der klinischen Studien, ich nehme jetzt ja nicht einfach irgendwas.“ Niemand würde das tun, aber in der jetzigen Situation verhalten sich einige Leute exakt so. Und das kann ich nicht verstehen. Will ich aber auch gar nicht, um ehrlich zu sein.

      Gefällt 3 Personen

  2. Man mag ja zu Impfungen stehen wie man will, aber dass wir Deutschen jammern, wie wenig Impfstoff wir haben, obwohl wir uns offiziell dafür einsetzen wollten, dass insbesondere die ärmeren Länder nicht schlechter beliefert werden sollen, ist schon beschämend. Manche Länder sind eben gleicher als andere. Danke

    Gefällt 3 Personen

    1. Exakt so sieht es aus. Wie hat man seitens der EU doch geschwafelt, wie viele Impfdosen man zusätzlich beschaffen wolle, um die dann praktisch kostenfrei an diverse Länder abzugeben!? Wenn man sich die Entwicklung bis hierher aber ansieht, muss man konstatieren, dass der Subtext des Geschwafels, das was man nicht gesagt hat, bedeutete: „Aber erst, wenn wir hier durch sind!“ Und das ist schon irgendwie armselig.

      Gefällt 3 Personen

  3. Also ich würd ihn ja nehmen – ich bin eben auch kein Hobbymediziner. Ich steh nur leider auf der Priorisierungsliste ganz hinten… seufz.
    Und wenn man sich dann eben noch ansieht, dass manche Länder noch gar keinen Impfstoff haben, ist es echt zum Kotzen. Ich guck schon keine Nachrichten mehr – das „Desaster“ da kann ich mir nicht mehr angucken….

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich würde ihn ja auch nehmen. Und so etwas aus Unkenntnis oder überzogenem Anspruchsdenken abzulehnen, ist einfach irgendwie … aaargh …. 🙂 Manchmal habe ich den Eindruck, die Regierung könnte jedem von uns einen blattgoldüberzogenen 911er Porsche kostenfrei vor die Tür stellen und es gäbe trotzdem einige, die sich beklagen würden, weil sie lieber einen Platinüberzug gehabt hätten …

      Gefällt 2 Personen

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