„Hey! Na, wie siehts aus bei Dir heute?“

„Ach, halt doch die Fresse!“

„Na hör mal – ich frag doch nur …“

„Ach, ich bin halt immer noch angepisst.“

„Wovon?“

„Na, von der Demo in Berlin am letzten Samstag.“

„Ach so. Tja, die hätte wohl wirklich verboten bleiben sollen, was!?“

„Wie kommst du denn auf dieses schmale Brett!? Es ist gut, dass sie nicht verboten wurde! Keine Demonstration – sofern sie sich nicht gerade erkennbar gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richtet – sollte verboten werden. Soll doch jeder sein Weltbild kundtun dürfen, und mag es noch so verschroben sein. Nein, ich bin absolut gegen ein Verbot. Ich verstehe da auch den Berliner Innensenator nicht.“

„Inwiefern?“

„Na, der verbietet die Demo aus Gründen des Infektionsschutzes und fügt anschließend an: „„Ich bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird.““

„Nun ja, das war aber seine persönliche Meinung, die hatte auf das Verbotsverfahren und das Verbot als solches gar keinen Einfluss.“

„Aha. Und hat er das auch ganz deutlich so dargestellt, sodass da keinerlei Missverständnisse aufkommen konnten und sich nicht vorab schon unzählige Demonstranten als „Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten“ dikreditiert sehen mussten?“

„Na ja … eigentlich nicht!“

„Eben! Bei den Demonstranten kam doch auf die Weise an, dass die Versammlungsfreiheit in Berlin davon abhängt, wozu der Innenminister bereit ist oder nicht, dabei ist die Frage, wozu er bereit ist, oder eben nicht, in diesem Zusammenhang vollkommen scheißegal.“

„Aber … also, die Ereignisse geben ihm schon recht …“

„Ach, Mumpitz!“

„Da ist aber doch so einiges schief gelaufen!“

„“Schief gelaufen“ ist in diesem Zusammenhang ein ziemlich übler Euphemismus. Da verschafft sich eine Menge von mehreren hundert Leuten Zugang zu den Treppen des Reichtstagsgebäudes und muss von gerade mal drei Polizisten aufgehalten werden wie weiland die Perser von den Spartanern an den Thermopylen.“

„Ähm, die Spartaner haben letztlich verloren, die Verluste waren bedeutend!“

„Willst du damit sagen, dass du nicht verstehst, was wiederum ich damit sagen will?“

„Doch, doch …“

„Also spar dir deine Spitzfindigkeiten!“

„Aber …“

„Klappe zu! Da stehen also drei Beamte …“

„… die die Menge, realistisch betrachtet, auch nicht wirklich hätten „aufhalten“ können, wie du sagst, wenn diese Menge wirklich ins Gebäude gewollt hätte …“

„Das mag sein, auch wenn die Beamten, rein von den Videoaufnahmen her, einen derartigen Eindruck auf mich gemacht haben, dass ich als Demonstrant umgehend nach Hause gefahren wäre, im Auto leise „Die Gedanken sind frei“ gewimmert und mich dann in Fötushaltung unterm Bett versteckt hätte. Die hätte ich gerne nachts als Begleitung, wenn man mal Ärger bekommt. Aber darum geht es auch nicht.“

„Sondern um was?“

„Um die Demonstranten selbst und um die, die sie unterstützen. Die gehen mir nämlich auf den Sack!“

„Ja, aber du hast doch eben noch gesagt, jeder soll sein Weltbild …“

„Ja, aber auch darum geht es nicht. Es geht um die Selbstwahrnehmung dieser Demonstranten.“

„Inwiefern?“

„Na, die heulen doch immer: „Buhuhu, ich bin kein Verschwörungstheoretiker/Reichsbürger/Rechter/whatever, sondern ich mache mir einfach nur Sorgen um unsere Grundrechte und werde trotzdem mit solchen Leuten in einen Topf geworfen. Voll ungerecht, buhuhu …““

„Ja, stimmt. Und?“

„Nun, wenn das doch so ist, dann habe ich mir schon in der Vergangenheit immer gedacht: „Ja, dann marschiert halt einfach nicht mit denen mit. Dann organisiert eure eigene, meinetwegen kleinere Demo, wo eben keine Leute rumlaufen, von denen ihr das nicht wolltet. Und wenn ihr schon mit denen mitmarschierst, dann setzt euch doch wenigstens durch! Ihr, die ihr euch angeblich nur Sorgen macht, seit doch angeblich die überwältigende Mehrheit. Dann verhaltet euch doch auch so. Distanziert euch von deren verschissener, verachtenswerter Ideologie, haut dem Nazi-Abschaum meinetwegen, wenn es gar nicht anders geht, aufs Maul, wickelt sie in ihre Reichsflaggen und legt sie am Wegesrand ab, aber tut etwas. Nur hört auf mit dieser weinerlichen Opferrolle auf!“ Aber nee, nie ist irgendwas in der Richtung passiert, stattdessen wurde fleißig weitergejammert.“

„Stimmt. Und weiter?“

„Na, jetzt hätten sie, nach den Vorkomnissen, wo drei Beamte sozusagen das politische Zentrum unserer Demokratie verteidigen mussten, jetzt hätten sie doch mal, die doch angeblich so besorgten Nicht-Rechten, die Gelegenheit zu sagen: „Okay, jetzt reichts! Mit denen wollen wir nichts zu tun haben und wir distanzieren uns davon deutlich!“ Aber nee!“

„Nee?“

„Nee! Beispielsweise der Veranstalter: „Querdenken 711″. Würden sie doch wenigstens tatsächlich denken, ob quer oder stringent, wäre mir egal, dann würden sie die Chance nutzen, sich von dem, was da passiert ist, zu distanzieren. Aber nee …“

„Nee?“

„Nee! Zum einen hat die das zwischenzeitliche Verbot anscheinend gar nicht interessiert. „Eine Demo braucht keine Genehmigung, es ist unser Grundrecht, uns versammeln zu dürfen“, schrieben sie bei Telegram nach Verkündung des Verbots, vollkommen ausblendend, dass eine Demo natürlich keine Genehmigung braucht, dass sie aber eben schon angemeldet werden muss und unter bestimmten Voraussetzungen – beispielsweise bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung, Artikel 15 Versammlungsgesetz – selbstredend auch verboten werden kann. Aber das sind Menschen, die zitieren, wenn es um die Meinungsfreiheit geht, auch immer nur den ersten Satz von Artikel 5 unseres Grundgesetztes. Wie auch immer, auch hinsichtlich der Geschehnisse bei der Demo hat man sich von nichts und niemandem distanziert. Nee, stattdessen veröffentlichen die zwei Videos von „KenFM“, sprich von Ken Jebsen, in denen die ganze Veranstaltung verklärend bunt geschildert und gezeigt wird. Vermeintlich ganz normale Menschen werden befragt, die Atmosphäre beschreibt eine der Befragten als „friedlich, sehr friedlich, positiv, liebevoll“ – na ja – ein anderer weist sinngemäß darauf hin, dass, „sollte da mal´n Nazi tatsächlich dazwischen sein“, dann gehöre er genau da hin, denn wo solle er sonst lernen, dass – sinngemäß – jede Art von Trennung falsch sei und man es nur zusammen erreichen könne. Eine junge Frau mutmaßt, dass die Polizei mit der Verschiebung der Demo bewusst darauf hinarbeitet, dass die Demonstranten die Abstände nicht mehr einhalten können. Während dieses Videos sieht man keine einzige Reichsflagge, kein einziges anderes in diese Richtung deutendes Symbol.“

„Ach, und wo kommen die auf den Videos der nicht voreingenommenen Medien so plötzlich her? Gerade die vorm Reichstag?“

„Ja, jetzt kommt es: Nicht nur der Veranstalter versäumt es, sich von den Faschos und den anderen Deppen zu distanzieren. Nein, das schaffen auch die Demonstranten und deren Unterstützer nicht. So wird im Netz gemutmaßt, dass es sich bei der Reichstagsaktion um eine „false flag“-Aktion der Antifa gehandelt haben müsse und die „Welt“ titelt „Die gefährliche Legende vom „Sturm““, so als ob es irgendwie relevant wäre, ob die Dreckspenner sich ihren Weg auf die Stufen des Reichstags nun „erstürmt“ hätten oder gemütlich voranmarschiert wären.“

„Also …“

„Ewigkeiten jammern die Teilnehmer dieser Demonstrationen, dass sie mit Rechten in einen Topf geworfen werden, und jetzt, wo es eindeutige, für alle ersichtliche Beweise dafür gibt, dass von eben diesen Vertretern des geistigen Prekariats nicht nur so zwei, drei Versprengte da rumlaufen, da versäumen sie es, auf den gebotenen Mindestabstand zu diesen Leuten zu gehen und versuchen lieber, die Aktion dem politischen Gegner in die Schuhe zu schieben. Und DAS ist es, was mich so anpisst.“

4 Gedanken zu “Sparta 2.0 in Berlin

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